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Thurgauer Zeitung - neuer Artikel zum 10-jährigen Jubiläum des Masterstudiengangs Frühe Kindheit

11.05.2021

Eigentlich ist eine Pädagogische Hochschule dafür da, Lehrerin- nen auszubilden. Vor zehn Jahren startete die Pädagogische Hochschule (PHTG) in Kreuzlingen gemeinsam mit der Universität Konstanz den Masterstudiengang «Frühe Kindheit», der auch eine wissenschaftliche Laufbahn ermöglicht. «Dass die PH gemeinsam mit der Uni Konstanz einen promotionsberechtigten Studiengang anbieten konnte, war ein Meilenstein für den Thurgau», resümiert dessen Leiterin Carine Burkhardt Bossi, die damals am Konzept mitarbeitete. Heute blickt sie mit Stolz auf ein erfolgreiches Jahrzehnt zurück.

Anders als im angelsächsisch-amerikanischen Kulturraum klaffte im deutschsprachigen noch eine Lücke, was die ersten Jahre ab Geburt betraf. Die Rektorin der PHTG, Priska Sieber, sagt dazu: «Sowohl die Heterogenität unserer Gesellschaft als auch die Bildungserwartungen nehmen zu. Darum entschlossen wir uns damals, in dieses Thema zu investieren.»

Am Puls der Wichtigkeit der ersten Lebensjahre

Der Kanton Thurgau unterstütz- te das «visionäre Vorhaben» zunächst als dreijähriges Pilotprojekt. «Inzwischen haben wir uns zu der Adresse für frühe Kindheit entwickelt, weit über die Kantonsgrenzen hinaus», sagt Priska Sieber, die betont, dass dieser Forschungsschwerpunkt in der Schweiz einmalig war und auch in Deutschland erst später Konkurrenz bekam. Inzwischen bestehen Kooperationen mit rund 50 Institutionen.

Die für das Jahr 2011 vorgesehenen 30 Studienplätze waren gleich voll belegt, der zweijährige Turnus wurde zum einjährigen. «Im Schnitt sind bei uns etwa 50 Studierende für ‹Frühe Kindheit› eingeschrieben, darunter auch Teilzeitstudierende», so Sieber. Der Frauenanteil sei hoch, nicht ungewöhnlich in Bildungsberufen.

Das grosse Interesse für dieses Forschungsfeld begründet Carine Burkhardt Bossi mit einem gesellschaftlichen Wandel, der etwa vor 15 Jahren ein- trat: «Zum einen wuchs die Erkenntnis, wie wichtig diese ersten Lebensjahre für die kindliche Entwicklung sind.» Hier werden die Grundlagen gelegt für sprachliche, sozioemotionale und motorische Fähigkeiten, da sich die Synapsen im Hirn so stark wie zu keinem anderen Zeitpunkt im Leben ausbilden. Wer in dieser Zeit ein sicheres Beziehungsverhalten und Skills erlernt, findet sich später im Leben besser zurecht. «Zum anderen spielt die Gleichstellungsthematik eine wichtige Rolle.» Frauen verfügten heute über eine bessere Ausbildung als früher. Um Familie und Beruf vereinbaren zu können, kämen die Kinder früher raus aus den Familien, rein in die Betreuung. «Auch damit der Übergang von Spielgruppen in die Volksschule reibungslos funktioniert, braucht es teilweise Fachleute.»

«Was als waghalsiges Pilotprojekt begann, wurde zum einmaligen Schwerpunkt.»

Priska Sieber unterstreicht: «Wir bilden aber keine Personen aus, die in Kindertagesstätten arbeiten, sondern Expertin- nen im Frühbereich. Unsere Ab- solventinnen finden in der Regel relativ rasch eine Stelle, vor allem bei Fachstellen, in der Aus- und Weiterbildung oder in der Forschung.» Erste Doktorandinnen gibt es zu ihrer Freude bereits. «Frühe Kindheit ist kein Jö-Studiengang. Er berechtigt zur Promotion», ergänzt Burkhardt Bossi. Der konsekutive Master richtet sich unter anderem an Bachelor-Absolvierende der Erziehungswissenschaften, Lehrbildung, Soziale Arbeit, Sportwissenschaft und Psychologie. Neu gibt es erste Hebammen, die sich im Bereich der 0- bis 4-Jährigen akademisch weiterbilden.

Text: Judith Schuck

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